Warum ich begonnen habe, wieder an Märchen zu glauben
- migre0
- vor 12 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Was Geschichten mit uns Menschen machen und warum sie heute wichtiger sind denn je

Ich glaube, dass Märchen und Geschichten weit mehr sind als Unterhaltung. Sie helfen uns, uns selbst und die Welt besser zu verstehen.
Vielleicht gerade heute, in einer Zeit voller Informationen.
Ich höre gerade wieder einmal Die unendliche Geschichte von Michael Ende.
Ich kenne dieses Buch gut. Es begleitet mich schon einen großen Teil meines Lebens. Und doch ist es, als würde ich ihm heute zum ersten Mal begegnen.
Nicht weil sich das Buch verändert hätte.
Sondern weil ich mich verändert habe.
Geschichten begleiten uns ein Leben lang
Es gibt Geschichten, die erzählen eine Handlung.
Und es gibt Geschichten, die erzählen davon, was Geschichten mit Menschen machen.
Ich glaube inzwischen, dass Die unendliche Geschichte zu dieser zweiten Art gehört.
Während ich hörte, musste ich immer wieder an meine eigene Kindheit denken.
An Abende am Feuer.
An Menschen, die Geschichten erzählten.
An Märchen.
An das Gefühl, dass eine gute Geschichte nicht einfach unterhält, sondern etwas in uns berührt, das wir selbst kaum in Worte fassen können.
Mir wurde plötzlich bewusst, wie sehr mir das fehlt.
Und ich glaube, ich bin damit nicht allein.
Viele Menschen sprechen heute darüber, dass unsere Welt voller Informationen ist.
Vielleicht stimmt das.
Aber ich frage mich, ob uns nicht etwas ganz anderes fehlt.
Geschichten.
Nicht Geschichten, die uns erklären, wie die Welt funktioniert.
Sondern Geschichten, die uns wieder mit uns selbst verbinden.
Während eines Austauschs entstand ein Satz, der mich bis heute nicht loslässt.
"Vielleicht ist das Gegenteil einer Lüge nicht die Wahrheit. Vielleicht ist das Gegenteil einer Lüge eine lebendige Geschichte, die uns mit uns selbst verbindet."
Als ich diesen Satz das erste Mal las, hatte ich das Gefühl, dass darin etwas steckt, das ich schon lange gespürt, aber nie wirklich aussprechen konnte.
Vielleicht haben Märchen nie aufgehört zu existieren.
Vielleicht haben sie nur ihre Form verändert.
Heute begegnen sie uns als politische Erzählungen.
Als Werbeversprechen.
Als Weltbilder.
Als einfache Antworten auf schwierige Fragen.
Wir Menschen leben nach wie vor in Geschichten.
Nur haben viele dieser Geschichten vergessen, dass sie Geschichten sind.
Wir leben noch immer in Geschichten
Und vielleicht liegt genau darin ein Teil unserer gegenwärtigen Orientierungslosigkeit.
Früher wussten Menschen, dass ein Märchen nicht wörtlich wahr sein musste, um etwas Wahres über das Leben zu erzählen.
Heute werden viele Erzählungen behandelt, als wären sie die Wirklichkeit selbst.
Vielleicht kämpfen wir deshalb so oft gegeneinander.
Nicht weil wir unterschiedliche Geschichten haben.
Sondern weil wir vergessen haben, dass wir überhaupt in Geschichten leben.
Mich macht dieser Gedanke traurig.
Nicht hoffnungslos.
Aber traurig.
Denn ich wünsche mir manchmal etwas unglaublich Einfaches.
Mit Menschen am Feuer zu sitzen.
Eingemummelt in Decken.
Jemand erzählt eine Geschichte.
Danach entsteht Stille.
Keine Diskussion.
Kein Gewinner.
Kein Verlierer.
Nur Menschen, die gemeinsam für einen Moment etwas erlebt haben.
Vielleicht fehlt uns nicht Wissen, sondern Geschichten
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich in den letzten Monaten wieder begonnen habe, Hörbücher zu hören.
Früher habe ich unendlich viele Bücher gelesen.
Psychothriller.
Später Bücher über Selbstentwicklung.
Immer mehr Informationen.
Immer mehr Wissen.
Bis ich irgendwann bemerkte, dass Wissen allein mich nicht mehr berührt.
Also hörte ich fast vollständig damit auf.
Erst seit einigen Monaten kehren Geschichten langsam in mein Leben zurück.
Stephen King.
Frank Schätzing.
Und nun wieder Michael Ende.
Nicht um Antworten zu finden.
Sondern um mich erinnern zu lassen.
Nicht Antworten finden, sondern Räume öffnen
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe einer guten Geschichte.
Nicht Antworten zu geben.
Sondern Räume zu öffnen.
Räume, in denen wir uns selbst wieder begegnen können.
Genau deshalb wird sich auf diesem Blog etwas verändern.
Neben meinen Gedanken und Erfahrungen werden von nun an immer mal wieder Märchen erscheinen.
Nicht regelmäßig.
Nicht nach einem Plan.
Sondern immer dann, wenn sie erzählt werden möchten.
Denn ich glaube, dass manche Wahrheiten sich nicht erklären lassen.
Sie möchten erlebt werden.
Vielleicht brauchen wir heute nicht noch mehr Informationen.
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Geschichten.
Geschichten, die uns nicht sagen, was wir denken sollen.
Sondern uns daran erinnern, wer wir sein könnten.
Welche Geschichte begleitet Dich schon Dein ganzes Leben?
Vielleicht ist sie nie verschwunden. Vielleicht wartet sie nur darauf, dass Du ihr noch einmal begegnest.
Wenn Dich solche Gedanken begleiten, findest Du auf diesem Blog weitere Texte über Gefühle, Einsamkeit, Menschsein und die Kraft guter Geschichten.




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