Wie kann ich mit Unsicherheit leben?
- migre0
- vor 17 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Wenn plötzlich nichts mehr sicher scheint

In den letzten Monaten habe ich erstaunlich oft denselben Gedanken gehabt:
Ich weiß nicht mehr, worauf ich mich eigentlich noch verlassen kann.
Nichts erscheint mehr sicher.
Renten nicht.
Jobs nicht.
Ja, irgendwie fühlt es sich so an, als würde sich alles in meinem Leben verändern.
Nicht unbedingt, weil ich es wollen würde.
Eher, weil die äusseren Umstände sich derart schnell verändern, dass mir eigentlich gar nichts anderes übrig bleibt, als irgendwie mitzuhalten.
Und weil das nicht schon genug ist, scheint sich in mir drinnen, auch etwas massiv zu verschieben. Gewohnheiten, Muster, Ängste...
...alles Dinge, die mich schon fast mein gesamtes Leben begleiten.
Es fühlt sich manchmal an, als würden sie fast darum betteln, meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ständig krache ich in meine Grenzen.
Job funktioniert nicht mehr.
Die Beziehung ist irgendwie im Eimer.
Alte Freunde sind gegangen.
Und irgendwie erscheint mir das Leben, das ich bisher als Meins bezeichnet habe, als langweilig. Wobei das nicht wirklich das richtige Wort dafür ist.
Es entsteht einfach immer öfter in mir die Frage, ob das nun wirklich alles sei.
Will ich wirklich so weitermachen?
Kann ich überhaupt so weitermachen.
Und was will ich überhaupt?
Ich darf vorstellen: die Unsicherheit
Immer dann, wenn ich mir diese Fragen stelle, wartet da schon eine alte Bekannte auf mich. Sie ist keine Person. Aber sie ist trotzdem sehr deutlich wahrzunehmen.
Werde ich nervös? Dann ist sie das.
Wird es eng in mir?
Überschlagen sich meine Gedanken?
Oder geht das denken gerade gar nicht?
Das ist auch sie.
Bekomme ich den Impuls wegzulaufen?
Oder wenigstens aufzustehen um irgendetwas zu tun, das mich ablenkt.
Das ist sie in voller Pracht.
Ich weiss, Du kennst sie.
Jeder von uns kennt sie.
Vielleicht bist Du gut mit ihr befreundet.
Vielleicht magst Du sie nicht besonders und gehst ihr aus dem Weg.
Oder Du hast Angst vor ihr.
Ich darf vorstellen: die Unsicherheit.
Ein Wesen ohne Gesicht und Hände. Und doch mit nahezu unendlich vielen Arten Dich zu berühren.
Ich glaube, dass es sich lohnt, sie gut kennenzulernen.
Denn sie hat Dich nicht nur bis hierhin begleitet, sie wird Dich noch bis an Dein Lebensende begleiten.
Schon in der ersten Sekunde Deines Lebens war sie da.
Und sie wird auch bei der letzten Sekunde Deines Lebens dabei sein.
Das weisst Du. Das weiss ich.
Und doch unternehmen so viele Menschen fast alles, um ihr nicht zu begegnen.
Ist schon paradox wenn man bedenkt, dass so etwas wie Sicherheit gar nicht wirklich existiert. Denn auch wenn ich mich komplett absichere, kann mir niemand garantieren, dass ich morgen überhaupt aufwache. Geschweige denn heil auf der Arbeit ankomme.
Das Leben ist voller Möglichkeiten. Und die meisten davon kommen in unseren eigenen Plänen nicht vor.
Denn ich weiss ja nicht wie das bei Dir ist, aber in meinem Leben kam eigentlich immer alles anders als gedacht.
Und trotzdem machen mir die letzten Jahre zu schaffen.
Die Welt verändert sich so rasant.
Und in mir drinnen?
So viel ist anders. So viel ist neu.
Und so so viel hat noch gar keinen Namen.
Denn es geht auch so schnell.
Alles in allem fühlt es sich für mich manchmal so an, als würde es mich in eine Richtung schieben. Oder ziehen. Scheinbar völlig egal, ob ich das will oder nicht.
Denn auch wenn ich die Richtung kenne, weiss ich noch lange nicht, wo dieser Weg überhaupt hingeht. Ich spüre nur, dass er mich Stück für Stück von dem wegbringt, was ich bisher als mein Leben bezeichnet habe.
Und vor allem von dem, was ich bisher glaubte zu sein.
So sehr, dass ich irgendwann weder wusste, wer ich eigentlich bin und wohin ich gehe.
Der Ort zwischen den Welten
Und dann kam die Angst. Sie lähmte mich. Machte es mir unmöglich, Entscheidungen zu treffen.
Zurück geht nicht mehr. Und vorwärts? Auf gar keinen Fall.
Wäre ja blöd. Da ist ja nichts zum festhalten. Nur ein grosser, fast leerer Raum von Möglichkeiten. Ohne Boden. Nur gefüllt mit meinen eigenen Ängsten.
Und den schlimmsten Vorstellungen davon, wie diese unbekannten Zukünfte aussehen konnten.
Ich habe es damals mit dem Gefühl des Abspringens und dem darauffolgende freien Fall verglichen.
Denn dort wo ich gerade war, da konnte ich nicht bleiben.
Der Ort zwischen den Welten ist kein Ort zum Verweilen.
Er ist ein Ort für Bewegung.
Es ist der Ort für nur einen einzigen Schritt.
Ich habe wochenlang damit gezetert, diesen Schritt zu wagen.
Mich der Unsicherheit hinzugeben und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut wird.
Weil es mir ungefähr so sinnvoll erschien, wie mit einem Tuch vor den Augen Auto zu fahren.
Heute weiss ich, dass ich schon ewig mit diesem Tuch vor den Augen durch mein Leben gefahren bin. Ich war mir dessen nur nie bewusst.
Mir stellte sich dann folgende Frage:
Was bringt mir Bewusstsein, wenn ich viel weniger Ängste hatte, als ich noch unbewusst war? War ja viel einfacher ohne.
Wie bei fast allen Fragen die ich mir so stelle, dauert die Beantwortung manchmal ein wenig. Und sehr wahrscheinlich habe ich die endgültige Antwort darauf noch nicht.
Zwischen Angst haben und Angst sein
Aber, vielleicht hilft mir mein Bewusstsein dabei, dass ich das erste Mal unterscheiden kann. Zwischen Angst haben und Angst sein. Zwischen Unsicherheit haben und Unsicherheit sein.
Denn wir sagen ganz selbstverständlich, dass wir "Angst haben".
Aber wenn die Angst dann mal im Körper auftaucht, neigen viele von uns recht schnell dazu zu glauben, sie seien die Angst.
Vielleicht ist es ja so, dass es gar nicht wirklich mehr Unsicherheiten auf dieser Welt gibt.
Sondern, dass wir uns ihnen nur das erste Mal gewahr werden.
Und wenn das, was sich in uns zeigt, wenn sie erscheinen, auch schon immer da war.
Vielleicht musst Du gar nichts lösen
Was wäre, wenn Unsicherheit und Angst nicht die Aufgabe hätten, uns klein zu halten?
Vielleicht besteht die Aufgabe nicht darin, Unsicherheit loszuwerden.
Sondern zu lernen, mit ihr zu gehen, wenn sie sich zeigt.
Vielleicht schaust Du mal genau hin, was in Dir passiert, wenn Du das nächste Mal über Deine Zukunft nachdenkst.
Und bleibst.
Nur für einen Moment.
Vielleicht befindest Du Dich gerade selbst zwischen zwei Welten.
Vielleicht verändert sich gerade etwas in Deinem Leben.
Vielleicht weißt Du noch nicht, wohin der nächste Schritt führt.
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