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Ein Brief an mein 13-jähriges Ich – über Einsamkeit, Selbstwert und das Gefühl, nie gesehen worden zu sein

  • migre0
  • 20. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Dieser Text ist kein Ratgeber.

Es ist ein Brief an mein jüngeres Ich.

An einen Jungen, der früh gelernt hat, sich anzupassen, still zu werden und seinen eigenen Wert von den Reaktionen anderer abhängig zu machen.


Vielleicht erkennst Du Dich darin wieder.




Ein Mann der an einem Schreibtisch sitzt und seinem jüngerem Ich im Hintergrund einen Brief schreibt

Hallo Micha!


Kurz vor Deinem, ähm, unserem Geburtstag, habe ich das grosse Bedürfnis, Dir diese Zeilen zu schreiben. Ich bin heute exakt 30 Jahre älter als Du.

So viel wie Mama älter war, als wir geboren wurden.


Dich wundert es wahrscheinlich nicht, dass ich heute, 30 Jahre später, immernoch lebe.

Aber ich sage Dir eins: so ganz sicher war ich mir zwischendrin dabei nicht.

Denn Du, bzw. ich, haben ungefähr in Deinem Alter ein paar Entscheidungen getroffen, die sich auf unser gesamtes Leben ausgewirkt haben.

Ich möchte Dich an dieser Stelle aber gern beruhigen.

Du hast ganz sicher nichts falsch gemacht!


Du musst nichts verändern


Ich weiss, dass Du vor ca. 2 Jahren angefangen hast, Alkohol zu trinken.

Und seit fast 1 1/2 Jahren rauchst Du Zigaretten und Gras.

Ich weiss heute, warum Du das tust. Aber ich gebe Dir den Raum und die Zeit, selbst die Gründe dafür zu finden.

Und auch, falls es Dich überraschen wird, werde ich Dir jetzt nicht sagen, dass Du es lassen solltest. Es würde sowieso nichts bringen, Du elender Holzkopf ;)

Tatsächlich sage ich Dir heute, dass Du so weitermachen sollst.

Trinke, soviel Du magst. Und kiffe, wann immer Dir danach ist.


Nicht, dass es Dir ohne, vielleicht an einigen Stellen in Deinem Leben leichter gefallen wäre. Denn das weiss ich nicht. Tatsächlich wird Dir das kiffen Dein Leben weitaus erträglicher machen. Und vielleicht überhaupt erst lebenswert.

Du wirst dadurch einen Haufen wirklich spannender Menschen kennenlernen.

Und das saufen wird Dir Türen öffnen, die vielen anderen Menschen auf ewig verschlossen bleiben. Du wirst unfassbar viele, unglaublich abgefahrene Momente erleben. Und viel abgedrehten Sex, mit wirklich schönen Frauen haben.

Versprochen.


Aber wenn ich Dir in diesem Zusammenhang nur einen Rat geben darf:

Lass das Zigaretten rauchen sein. Denn das aufzuhören, wird Dir ziemlich zu schaffen machen. Glaube mir. Ich rauche immernoch und es ist echt eine Quälerei das sein zu lassen.


Letztes Jahr hat Dir Mama gesagt, dass sie sich von Papa scheiden lässt.

Ich weiss, Du hasst Mama dafür. Das darfst Du tun. Aber ich verspreche Dir, dass Du irgendwann verstehst, dass es nicht ihre Schuld war.

Und Papa ist jetzt schon eine Weile weg. Er meldet sich nicht bei Dir, oder?

Nur als kleine Vorbereitung: er wird es nie wieder tun.

Nicht weil irgendetwas mit Dir falsch wäre.

Er kann einfach nicht anders.


Ihr werdet trotzdem manchmal Kontakt miteinander haben. Nicht weil ihr es wollt, sondern weil Ihr müsst. Du wirst Unterlagen und Unterschriften von ihm benötigen.

Er wird diese Gelegenheiten nutzen, um Dir wirklich fiese Sachen zu sagen.

Dinge, die gar nicht zu Dir gehören.

Micha, er sagt diese Dinge nicht, weil sie wahr wären. Oder weil er Dich unbedingt verletzen will. Er sagt sie, weil er selbst sehr verletzt ist und nie gelernt hat, damit umzugehen. Deswegen gibt er sie einfach an Dich weiter.

Ich bitte Dich nicht um Verständnis dafür. Ich bitte Dich nur darum, Dir seine Worte nicht so zu Herzen zu nehmen. Er meint nicht Dich. Er meint in Wahrheit sich selbst.


Wenn Kinder lernen, sich zu verstecken


Ich werde Dir jetzt ein paar Fragen stellen. Fragen, die Dir vielleicht ein bisschen wehtun.

Das tue ich nicht, um Dich zu verletzen. Ganz im Gegenteil.

Ich tue das, damit Du Dich nicht über so viele Jahre selbst verletzt.

Denn Du hast es heute in der Hand, Dir Dein Leben viel leichter zu gestalten.


Du kennst das Gefühl, dass Dich niemand sieht, oder?

Das war schon Deine gesamte Kindheit so.

Weisst Du, ich habe dieses Gefühl heute immernoch sehr oft.

Auch bin ich deswegen manchmal sehr einsam. Denn es gibt sehr sehr wenige Menschen in meinem Leben, die mich wirklich sehen.

Das liegt nicht daran, dass ich irgendwie verkehrt wäre.

Das liegt daran, dass wir beide nie etwas anderes gelernt haben.

Du wurdest nie gesehen. Ich wurde nie gesehen.

Also hast Du begonnen zu glauben, dass das die einzige Realität wäre.


Ausserdem wurdest Du immer in Dein Zimmer gesteckt, wenn Du mal begonnen hast, wirklich Du selbst zu sein. Oder? Ich erinnere mich noch sehr gut daran.

Zu laut? Ab ins Zimmer und Tür zu.

Zu fröhlich? Ab ins Zimmer...

Traurig? Ab ins Zimmer....

Wütend? Ab ins Zimmer...

Eigentlich immer wenn Du mal wirklich Du warst, hatte das fiese Konsequenzen.


Das führte dazu, dass Du begonnen hast, jemand anderes zu sein.

Weniger Du.

Und mehr jemand, von dem Du dachtest, er wäre geliebter.

Dabei bist Du so wundervoll!

So witzig. So liebevoll. So intelligent. Und so warmherzig.


Du warst nie zu viel


Bitte verstehe, dass Du nie zu viel warst.

Und bitte verstehe auch, dass sich Mama und Papa nicht von Dir abgewendet haben, weil irgendetwas mit Dir falsch wäre.

Sie haben es getan, weil sie sich selbst nicht ertragen konnten.

Und Du sie nur daran erinnert hast, wer sie hätten sein können.


Du bist nicht nur okay so wie Du bist. Du bist wundervoll.

Bitte verstelle Dich nicht. Niemand kann Dir mehr weh tun.


Ja, Du bist anders als sehr viele Menschen dort draussen.

Du passt nicht wirklich perfekt irgendwo rein. Und das ist auch gut so.

Heute findest Du das doof. Ich weiss.

Und nebenbei, in 30 Jahren wird sich daran immernoch nicht viel verändert haben.

Aber wenn Du heute schon damit aufhörst, jemand anderes sein zu wollen, nur um irgendwo dazu zu gehören, dann wirst Du es in 30 Jahren sehr viel einfacher haben, damit umzugehen.


Sei mutig. Sei anders. Und sei stolz darauf.


Dein Wert hängt nicht an Deinem Schaffen


Und achso, bevor ich es vergesse.

Dich werden Menschen, vor allem Lehrer und Vorgesetzte, für das beurteilen, was Du tust. Und Du wirst auch immer wieder anderen Menschen begegnen, die dies tun.

Einige von denen wissen nicht, wie man sauber formuliert.

Aber auch wenn sie es so sagen, DEIN WERT HÄNGT NICHT AN DEINEM SCHAFFEN!

Du bist immer gleich wertvoll. Völlig gleichgültig, ob jemand mag was Du tust oder nicht.


Nun kommen wir zum Schwierigsten mein lieber Schatz.

Schweigen.

Es wird immer wieder Situationen in Deinem Leben geben, in denen Du nicht beachtet wirst. In denen Du nicht gesehen wirst oder etwas, das Du sagst oder tust, mit Schweigen quittiert wird.

Dies sagt nichts darüber aus, ob das was Du gesagt oder getan hast, gut oder schlecht, falsch oder richtig war.

Oder ob DU gut oder schlecht, falsch oder richtig warst.

Die Reaktionen auf Dich, auf das was DU sagst oder tust, werden sehr oft anders sein, als Du es Dir wünschst. Nicht, weil Du falsch wärst. Sondern schlicht und ergreifend deswegen, weil die Möglichkeit dazu besteht.


Merke Dir bitte eins:

Ob Dich nun jemand ignoriert, nicht antwortet, "falsch" reagiert oder Dich bewertet, es hat nie, niemals, mit Deinem eigenen Wert zu tun.

Bitte mach Dich davon nicht abhängig.

Du gibst Dir Deinen eigenen Wert. Und Du bist verloren, wenn Du diesen Wert von irgendeiner Reaktion im Aussen abhängig machst.


Micha, Du bist ein wundervoller junger Mensch.

Und Du wirst ein wahrlich abenteuerliches Leben führen.

Du wirst lieben. Du wirst geliebt werden.

Und Du wirst immer gleich wertvoll sein.


Ich bin bei Dir. Immer.

Rufe einfach nach mir.



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