Warum Du nicht mehr funktionierst
- migre0
- 13. Feb.
- 8 Min. Lesezeit
Ein Beitrag über das Gefühl des Versagens, des Nicht-mehr-genügens und warum es vielleicht doch gut ist
Manchmal entsteht ein Text nicht aus Klarheit, sondern aus einem Gefühl heraus, das sich nicht mehr ignorieren lässt.
Dieser Beitrag ist genauso entstanden.
Nicht als Erklärung.
Nicht als Anleitung.
Sondern als Versuch, etwas in Worte zu fassen, das viele Menschen erleben:
Wenn das Funktionieren plötzlich nicht mehr funktioniert.
Wenn Du Dich darin wiederfindest, lies weiter. Und wenn nicht, ist das ebenso in Ordnung.

Während ich diese Zeilen in meine Tastatur tippe, bin ich wütend.
Nicht diese Wut, die nach aussen gerichtet ist. Nein.
Es fühlt sich an wie eine Wut auf mich selbst.
Seit Wochen schwirrt mir dieser Beitrag schon im Kopf herum. Denn ich glaube er ist wichtig. Denn er ist wichtig für mich. Und vielleicht auch für Dich.
Aber Du siehst das Ergebnis meiner Arbeit der letzten Wochen direkt vor Dir.
6 Zeilen, die sich in diesem Moment sehr armselig anfühlen und sehr nah, an der Grenze zum Selbstmitleid gebaut sind.
Bin ich auf einmal faul?
Diese Frage habe ich mir inzwischen sehr oft gestellt. Will ich einfach nicht?
Bin ich zu einem dieser faulen Säcke geworden, die ich immer verurteilt habe?
Und das, Monate nachdem ich das Rauchen von Gras aufgegeben habe?
Vielleicht prokrastiniere ich auch. Ich weiss ja was zu tun ist. Ich tue es halt einfach nicht.
Vielleicht ist der Grund aber auch ein ganz anderer.
Vielleicht liegt die Ursache dafür weitaus tiefer, als meinem Verstand bewusst ist.
Wenn Funktionieren zur Identität wird
Zugeben, ich weiss wie es sich anfühlt zu prokrastinieren. Ich habe es monatelang getan.
Auf meinem Sofa sitzend, Joints rollend, aufs Handy starrend.
Soviel zu tun. Und nichts davon geht.
Und am Abend dann: Trauer, Selbstzweifel, manchmal sogar ein wenig Selbsthass.
Das heute ist anders.
Heute KANN ich manchmal einfach nichts tun. Ich weiss was zu tun ist, ich kenne den nächsten Schritt. Aber ich bin zu müde, zu erschöpft um aufzustehen.
Das war früher anders.
Wie eine Maschine habe ich funktioniert.
Manchmal 3 Jobs, dann Afterparty und danach noch für ein, zwei Abfahrten aufs Snowboard. Kurz ins Bett und dann wieder von vorn. Monatelang. Jahrelang.
Okay, schon damals war ich manchmal müde. Aber ich war jung und brauchte das Geld.
Naja, ziemlich lässig fand ich diesen Lebensstil natürlich auch.
Und ich habe meinen Körper nicht besonders ernst genommen.
Also rein mit dem 4fachen Espresso, danach noch 2 Red Bull und eine klitzekleine Bahn Amphetamin. Und dann Vollgas.
Das ging gut. Fast 20 Jahre lang. Immerhin hatte ich ja Urlaub zwischendurch.
Durch die Saisonarbeit viel mehr als alle anderen. Immerhin 8 statt nur 5 Wochen.
Der Moment, in dem nichts mehr geht
Aber irgendwann ging es nicht mehr. Das viele Koffein hörte auf zu wirken.
Bzw. blieb die mir bekannte Wirkung aus und verlagerte sich zu einem Schmerz im Herzbereich und einer Nervosität, die mir den Schlaf raubte.
Die Parties waren irgendwie hohl geworden, das viele Geld erschien mir viel zu teuer erkauft und ständig von Menschen umgeben zu sein, die total verstrahlt waren, hat sich auch nicht mehr besonders geil angefühlt. Ich hatte Burnouts. Nein, nicht einen. Diverse.
Aber aufhören? Nee nee. Wie denn?
Rechnungen wollten bezahlt werden, mein Lebensstandard erhalten und sowieso kannte ich ja kein anderes Leben. Also mehr Koffein, mehr Drogen, mehr Alkohol.
Und dann?
Nichts mehr.
Mein Körper hatte beschlossen aufzuhören zu funktionieren.
Also nicht wirklich, die lebenserhaltenden Systeme waren schon noch wahrnehmbar.
Aber während ich da so lag spürte ich, dass auch diese Stück für Stück lebewohl flüsterten.
Mein Körper starb. Und ich durfte ihm dabei zuschauen.
6 Wochen ohne wirklich zu schlafen. Ohne wirklich zu essen und zu trinken.
Sogar die Decke auf meiner Haut hat mir Schmerzen zugefügt.
Die Spaziergänge mit meinem Hund wurden zur Qual.
2 Stunden für die Runde, die wir sonst in 20 Minuten laufen.
Und dann wieder liegen. Denn mehr ging nicht mehr.
Während dieser 6 Wochen habe ich verstanden, dass ich zu weit gegangen bin.
Nachdem mich mein Körper jahrelang freundlich um etwas Ruhe gebeten hat, habe ich seine darauffolgenden Schreie ignoriert.
Nun flüsterte er nur noch. Und zwang mich dazu, endlich hinzuhören.
Warum Selbstoptimierung nicht die Antwort war
Ich änderte mein Leben.
Kein Alkohol mehr, keine Energy Drinks und aufputschende Mittelchen.
Viel weniger arbeiten und mich gesünder ernähren.
Das kam mir eh ganz recht. Eigentlich hatte ich eh keinen Bock mehr auf diese ganze Ackerei.
Wie gerufen, begegnete mir damals eine sprirituelle Welle.
Sie brachte das Versprechen mit, dass wenn ich nur noch ein bisschen heile, ein bisschen mehr an mir arbeite und sowieso, lerne meine Gedanken zu lenken, dann könne ich alles haben was ich will. Schwing Dich auf den Reichtum ein und er wird von ganz allein zu Dir kommen. Und bei Gott, das wollte ich. Denn finanzieller Mangel war schon immer mein Hauptthema. Wenn es doch so einfach ist...
Also investierte ich das Geld was ich hatte, in Bücher der grossen Lehrer, die wir wohl alle kennen. Ich nahm an jedem kostenlosen Onlineseminar teil, gab Geld, das ich nie hatte für Mindsetkurse aus. Und ja, ich begann, zu affirmieren und zu visualisieren.
Kann ja nicht so schwer sein. Zu guter Letzt buchte ich ein Jahrescoaching bei einem Business- und Mindsetcoach. Mit einem Monatsbeitrag, der die Höhe meiner Miete übersteigte. Scheissegal, denn wer nicht in sich investiert, der kann auch nichts herausbekommen. Und sie hatte es ja geschafft. 5 Stellige Umsätze im Monat...das wollte ich auch. Und wen sollte ich auch besseres als Coach bekommen als einen, der so viel hat wie ich gern haben will?
Als ich, trotz sehr wenigen Arbeitsverpflichtungen und dem Fokus auf meine Persönlichkeitsentwicklung einen ersten Burnout ähnlichen Zustand erreichte, wunderte ich mich schon ein wenig. Da hatte ich wohl was falsch gemacht.
Vielleicht noch nicht genug geheilt. Vielleicht nicht richtig affirmiert.
Oder mein Visionboard war einfach scheisse.
Irgendwie hatte ich mir das Ergebnis von 6 Jahren Bewusstseinsarbeit, anders vorgestellt.
Wieso hatte ich auf einmal Schulden? Wieso noch weniger Geld, als jemals in meinem Leben zuvor?
Es war klar: ich war schuld. Ich hatte versagt. Noch nicht mal das hab ich gebacken bekommen.
Und tadaaaa!! Rein in eine saftige Depression.
Schon verrückt wenn man bedenkt, dass diese ganze Spiriszene genau das Gegenteil predigt. Leichtigkeit, Liebe, Fülle. Ein Schelm wer böses denkt.
Was Dein Nervensystem wirklich versucht
Heute bin ich dankbar für diesen Zustand des finanziellen Untergangs.
Denn er hat mich direkt zur Ursache geführt.
Dieses Finanzthema hat mich in einem permanenten Alarmzustand gehalten.
Schon immer. Aber jetzt konnte ich es nicht mehr übersehen.
Dieses Gefühl im Solarplexus. Diese Unruhe, die ständige Nervosität.
Der Zwang danach, irgendetwas tun zu müssen.
Mein Nervensystem kannte keinen anderen Zustand. Es war schon immer zu wenig da.
Und falls mal nicht, dann sorgte ich unbewusst dafür, dass es schnell wieder so wird.
Also begann ich aktiv mit meinem Nervensystem zu arbeiten. Nicht mehr dagegen.
Ich begab mich in die Stille. Reduzierte jeden Input von aussen und lernte, mich zu fühlen. Ich begann, bewusst zu atmen und mich dabei selbst zu halten.
Ich begann, mir die Hand auf den Solarplexus zu legen und mir zu sagen, dass ich sicher sei. Immer und immer wieder.
Und irgendwann spürte ich, wie ich begann mich zu entspannen.
Zuerst subtil, dann immer wahrnehmbarer.
Nicht diese oberflächliche Entspannung. So richtig tief. Mein Kern begann loszulassen.
Nicht weil ich es forciert hatte. Sondern weil ich die Anspannung und Nervosität das erste Mal da sein gelassen habe. Nur beobachten. Nicht verändern.
Und mich selbst dabei zu halten und endlich aufzuhören, vor diesem schier unerträglichen Gefühl wegzulaufen.
Nun würde ich an dieser Stelle gern behaupten, dass ab diesem Zeitpunkt alles besser wurde. Aber das wäre schlicht gelogen.
Um ehrlich zu sein, wurde dann erstmal alles schlimmer.
Ja, meine Gedanken wurden klarer.
Aber plötzlich wurden die Schmerzen in meinen Schultern immer schlimmer.
Und ich war wirklich zu nichts mehr zu gebrauchen.
Mich überforderten die kleinsten Dinge.
Oft hat schon der Gedanke daran, dass ich etwas tun muss schon ausgereicht, dass ich heulend auf meinem Sofa zusammengebrochen bin.
Am Morgen noch fröhlich und gut gelaunt aus dem Bett gehopst, hat mich eine Sprachmemo eines Freundes so sehr aus dem Konzept gebracht, dass ich den Rest des Tages nur noch mit atmen verbringen konnte. Ohne Licht und Musik. Eingekuschelt auf dem Sofa.
Einkaufen? Oh Gott!!!
Abwaschen? Auf keinen Fall!
Wäsche waschen? Klar. Aber Wäsche aufhängen? Haha! Niemals!
Zwei Tage vor dem nächsten Arbeitstag schon soviel Stress empfinden, dass ich nicht richtig schlafen kann. Ja voll!
Und dann dieses Projekt namens glück³!
Ich wollte doch so gern endlich selbstständig arbeiten.
Frei sein. Bei meinem Hund sein. Dafür ist notwendig, dass man mich auch findet.
Und dafür wiederum dürfen Texte erstellt werden, die Menschen berühren.
Zack! Stress!
Kreativität: Aus.
Nicht funktionieren ist kein Fehler
Vielleicht kennst Du das auch: Dein Alltag scheint Dich zu überrollen.
Aufgaben und Abläufe, die Du jahrelang mühelos bewältigt hast, überfordern Dich plötzlich. Dein Job ist Dir auf einmal zu viel, der Verkehr zu schnell, Supermärkte zu bunt und Deine Kinder zu laut. Essen kochen? Was? Schon wieder???
Ich weiss, dieser Teil hilft Dir nicht wirklich, aber Du bist damit nicht allein.
Wie ich beobachte, geht es zur Zeit sehr vielen Menschen wie Dir.
Die ganze Menschheit scheint irgendwie am Anschlag zu laufen.
Das Kollektiv erscheint überreizt oder zumindest überfordert.
Die Haut wird dünner, die Resilienz sinkt.
Und das alles in einer Welt, die sich immer schneller dreht und immer mehr von Dir verlangt.
Mein Gefühl sagt mir, der Kipppunkt ist erreicht. Grösser, weiter und schneller funktioniert nicht mehr. Warum?
Vielleicht liegt es daran, dass dieses System in dem wir aufgewachsen sind und leben, niemals dafür ausgelegt war, wirklich auf menschlicher Ebene zu funktionieren.
Es erscheint mir wie ein automatisiertes, eher mechanisches System, das exponentiell wachsen muss, um sich selbst zu erhalten.
Wir Menschen sind aber keine Maschinen. Ja, wir haben über Jahrzehnte ähnlich funktioniert. Aber nun zeigt sich die Ermüdung und der Verschleiss.
Menschen brauchen Pausen. Menschen brauchen Stille. Menschen brauchen Raum,
in dem sie einfach sein dürfen. Ohne zu funktionieren. Ohne produktiv zu sein.
Wir selbst haben uns diesen Raum nie zugestanden.
Wie auch? Von klein auf wurden wir darauf programmiert, dass wir leisten müssen um etwas zu bekommen. Dass wir wertlos sind, wenn wir nichts tun.
Aber was wäre, wenn wir im Grunde dafür da sind, nicht wirklich etwas zu tun?
Zumindest nicht so, wie es dieses System definiert.
Denn spannenderweise erlebe ich den stärksten Alarmzustand in mir, wenn ich mir gestatte, einfach nur zu sein.
Eine Welt am Limit
Ich würde Dir an dieser Stelle gern sagen, dass alles wieder so wie früher wird.
Dass Du wieder genauso belastbar wirst, wie Du es mal warst.
Aber ich glaube nicht daran.
Aber ich gebe Dir mein Wort, dass Du ein viel schöneres, glücklicheres und erfüllenderes Leben führen wirst wenn Du beginnst, auf Dein Nervensystem zu hören und Dein Leben Schritt für Schritt danach ausrichtest.
Denn ich glaube nicht, dass wir die Wahl haben. Vielleicht können wir noch eine Zeit lang so weiter machen. Mit Tabletten, Mittelchen und sonst was.
Aber dieses künstlich erschaffene Fundament ist ein für alle mal weg.
Denn es war nie ein wirkliches Fundament.
Vielleicht hat es eher wie ein Exoskelett oder ein modernes selbsttragendes Chassis funktioniert. Es hat uns für eine Weile gehalten, aber es war nie dafür gedacht für immer zu bleiben.
Und falls Du zufällig zu den Menschen gehörst die sich fragen, wann dieses System endlich zusammenbricht. Ich persönlich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass es das von selbst tun wird.
Aber ich nehme wahr, dass es im Grunde von uns getragen wird. Von Dir und von mir.
Und wir brechen gerade sprichwörtlich zusammen.
Vielleicht erkennst Du Dich in Teilen davon wieder. Vielleicht auch nicht.
Nicht mehr zu funktionieren ist keine Defekt. Es kann ein Übergang sein.
Ein Zeichen, dass etwas in Dir nicht länger gegen sich selbst arbeiten will.
Wenn Dich diese Themen berühren und Du sie nicht allein bewegen möchtest, dann findest Du auf meiner Seite Möglichkeiten zum Austausch oder zur Begleitung.
Und wenn nicht, dann nimm Dir einfach den Raum, heute ein bisschen weniger funktionieren zu müssen.
Räume zum Weitergehen


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